September 2007

Artikel aus September 2007.

Etappe 3: Danzig-Klaipeda (113 Seemeilen). Segeln kann so einfach sein!

Voller Vorfreude bestiegen wir am 25. Juli den Mietwagen, der uns nach Danzig zum Treffpunkt mit der Solair und dem Tausch der Mannschaften bringen sollte. „Wir“, das war die Crew 2, bestehend aus Constantin Gerloff, Timon Herzog, Thomas Hildebrandt, Dr. Lars Podlowski und mir. Nachdem die erste Mannschaft die Etappen Kopenhagen-Sassnitz und Sassnitz-Danzig zurückgelegt hatte, sollte es unsere Aufgabe sein, die Solair von Danzig über Klaipeda und Ventspils nach Pärnu zu segeln.

Zunächst jedoch lag eine zum Teil abenteuerliche Fahrt durch Polen vor uns, die von U-Turns auf der Autobahn bis zu einer Irrfahrt in der Rushhour von Danzig so manches zu bieten hatte. Schließlich fanden wir uns doch wohlbehalten in Danzig wieder, wo uns Skipper Peter, Co-Skipper Janusz und Crew 1 herzlich an Bord der Solair begrüßten.

Viel Zeit uns einzurichten hatten wir dort nicht, für Formalitäten mussten wir uns erst bei der Regattaleitung melden, und dann fing auch schon die Party für die Regattateilnehmer an. Hier bekamen wir Neulinge einen ersten Eindruck vom Baltic Sprint Cup – im Laufe des Abends stand neben der Würdigung der Sponsoren wie an jedem Etappen-Zielort auch eine ausgedehnte Siegerehrung auf dem Programm. Die zahlreichen Preise, Würdigungen und abenteuerlichen Teamnamen sagten uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht so viel – das aber sollte sich in den folgenden Tagen ändern…

Tags darauf ging es dann endlich los mit dem Segeln – allerdings erst an späten Nachmittag, was uns noch ein wenig Zeit gab, die wunderbare Altstadt Danzigs zu erkunden. Dem eigentlichen Start ging noch die Parade der Schiffe vor zahlreichen Zuschauern im Hafen voraus. Dazu drehten wir zwei Runden im Hafenbecken und kamen dabei unseren repräsentativen Pflichten als niedere Dienstgrade an Bord der Solair nach: Wir salutierten in einer Reihe aufgestellt dem Danziger Bürgermeister, der die Flotte vom Ufer aus verabschiedete.

Da die Solair als größtes Schiff die Parade der Regatta-Teilnehmer angeführt hatte, erreichten wir auch als erste die offene See, was uns ein wenig Zeit zum Üben einiger Manöver wie Wende und Halse gab. Das kurze Training war uns sehr willkommen, denn mit Ausnahme unserer Skipper Peter und Janusz sind wir ja alle unerfahrene Segler. Und nun warteten wir hier vor Danzig auf den Startschuss zu einer Regatta, in der wir gegen echte Profis antreten sollten!

Kurz vor dem Start, bei dem zu einem bestimmten Zeitpunkt (oder später) eine gedachte Linie zu überfahren ist, ging es dann sehr eng zu: Zum Teil kamen sich die Schiffe so nahe, dass man mühelos von einem zum anderen hätte springen können. In dieser Phase ist es sehr hektisch an Bord aller Schiffe. Die Skipper brüllen ihre Kommandos, die die Crews so schnell wie möglich umzusetzen versuchen. Durch die unmittelbare Nähe der Schiffe hört man natürlich nicht nur die Kommandos des eigenen Skippers, was die Sache für eine unerfahrene Mannschaft nicht einfacher macht.

Wir zogen uns aber ganz respektabel aus der Affäre und lagen nach dem Umfahren eines Parcours um diverse Tonnen bereits auf Platz zwei, bevor es auf direktem Weg nach Klaipeda in Litauen ging. Vor uns lagen jetzt noch etwa 100 Seemeilen und das Boot mit dem einprägsamen Namen „Frühstücksdirektor“.

Zum gemeinsamen Frühstück mit den Direktoren kam es allerdings nicht, denn als der Hunger einstellte, hatten wir auch dieses Boot schon lange hinter uns gelassen und segelten fortan weit vor der Flotte. Sollte Segeln wirklich so einfach sein? Man setzt sich einfach auf das schnellste Schiff, winkt den anderen ein letztes Mal und gewinnt die Regatta?

Leider nicht…

Damit überhaupt ein Wettbewerb zwischen Schiffen mit so unterschiedlichen Voraussetzungen, wie es bei den Teilnehmern am Baltic Sprint Cup der Fall war, zu Stande kommen kann, bekommt jedes Boot ein Handicap. Dieser so genannte Regattawert, der aus Größe, Segelfläche, Gewicht, Rumpfbeschaffenheit und anderen Faktoren eines Schiffes berechnet wird, hat entscheidenden Einfluss auf seine spätere Platzierung. Mit anderen Worten: Man kann am schnellsten gesegelt sein und als erster ins Ziel kommen, gewonnen hat man deswegen noch nicht.

Der Regattawert führte nicht nur an Bord der Solair zu langen Diskussionen. Das war kein Zufall, denn auf Grund ihrer Größe hatte unser Schiff das beste Handicap aller Teilnehmer. Um in der bereinigten Wertung die anderen zu schlagen, hätten wir schon zu unfairen Mitteln greifen müssen, allein durch seglerisches Geschick wäre es kaum möglich gewesen.

Nicht zuletzt die Berechnung des Regattawertes warf einige Fragen auf. So war das Handicap vom Frühstücksdirektor auf Grundlage einer Serienyacht berechnet worden. An den Start ging aber ein getunter Prototyp, der komplett entkernt war – unnötige Ausrüstung und eine zweite Unterhose für die Crewmitglieder: Fehlanzeige. Da lebte es sich natürlich besser in unserem schwimmenden 5 Sterne Hotel. Eventuell vorhandene Ambitionen auf die Gesamtwertung konnte man aber getrost ad acta legen.

Unstrittig war allerdings auch, dass zahlreiche Crews deutlich mehr Erfahrung mitbrachten als wir. Auch hier stach Frühstücksdirektor hervor, seine Mannschaft bestand aus Profiseglern, die z.T. schon Erfahrungen beim Americas Cup und Volvo Ocean Race gesammelt haben. Allein aus diesem Grund wäre es vermessen, zu behaupten, wir hätten den Direktoren auch nur annähernd mit unseren Segelkünsten Paroli bieten können. Trotzdem hinterließ die Sache mit dem Regattawert einen faden Beigeschmack von „Entscheidung am grünen Tisch“, nicht nur bei uns.

So waren wir bei unserer Ankunft in Klaipeda überglücklich, denn wir erreichten die litauische Hafenstadt als erstes Schiff der Regatta („First Ship Home“) mit immerhin einer halben Stunde Vorsprung vor dem zweiten! Regattawert hin oder her, wir fühlten uns wie Sieger und darauf kommt es schließlich an. Wir feierten dies mit einer Flasche Bier gegen 5 Uhr früh und tranken auf Neptun, der uns den für diesen Erfolg notwendigen Wind beschert hatte.

Nach der anstrengenden Nacht stand erst einmal Ausschlafen auf dem Programm. Später stellten wir fest, dass die halbe Stadt auf den Beinen war und an dem Kai entlang flanierte, wo die Solair mit den anderen Schiffen lag. Es dauerte eine Weile, bis wir uns daran gewöhnt hatten, immer wieder von den segelbegeisterten Passanten fotografiert zu werden, sobald wir uns an Deck blicken ließen. Unseren freien Tag nutzten wir dann für einen Ausflug zur Kurischen Nehrung an der russischen Grenze. Dann hieß es Abschied nehmen, denn Lars verließ das Schiff in Klaipeda, um an Bord durch Constantin ersetzt zu werden.

Am Folgetag stand die Siegerehrung auf dem Programm. Dazu wurde eine große Bühne genutzt, auf der am Abend die lokalen Popgrößen auftreten sollten. Dort konnte Peter vor großem Publikum unseren Lohn für die Strapazen der dritten Etappe in Empfang nehmen: Eine blaue Flagge mit der Aufschrift „First Ship Home – Gdansk-Klaipeda“ und dem Regatta Logo. Zurück an Bord versäumten wir es nicht, als erstes unsere Trophäe zu hissen! Der Abend endete mit einem großen Hafenfest mit Feuerwerk und allem drum und dran.

Etappe 4: Klaipeda-Ventspils (106 Seemeilen). Der Fluch der Karibik…

Ähnlich wie in Danzig hatten sich auch in Klaipeda viele Menschen im Hafen versammelt, um uns vor dem Start zur vierten Etappe nach Ventspils in Lettland zu verabschieden. Bereits kurz nach Verlassen des Hafens deutete sich an, dass es diese Etappe in sich haben sollte: Starker Wind und hohe Wellen machten das Segeln zu einer Belastungsprobe für Mensch und Material. Und es dauerte nicht lange, bis ich mir von Peter zeigen lassen musste, wo und wie ich mein Frühstück am besten wieder loswerde. Wenig später hatte mich die Seekrankheit voll im Griff und ich erlebte einen Großteil der Etappe mit dem Kopf über der Reeling oder dahindämmernd unter Deck. So blieb mir auch eine kritische Situation erspart, bei der Timon und Constantin sich am Schiff festklammern mussten, um nicht über Bord zu gehen.

Unser Einsatz hatte sich gelohnt: Erneut hatte die Solair alle anderen Wettbewerber abgehängt. Und kurz bevor wir in lettische Gewässer gelangten, ließ auch der Seegang etwas nach, so dass ich mich wieder an Deck wagte – pünktlich um dort meinen bescheidenen Beitrag zu unserer zweiten Etappe zu leisten: dem Einholen der litauischen und dem Hissen der lettischen Fahne.

Beim Einlaufen in den Hafen von Ventspils gegen vier Uhr früh war es dann amtlich: Auch auf der vierten Etappe hatten wir die „First Ship Home“-Flagge erobert! Zuvor war uns allerdings noch ein folgenschweres Missgeschick passiert. Kurz nach Überfahren der Ziellinie war uns der Spinnaker beim Einholen zerrissen und damit für den Rest der Regatta nicht mehr zu gebrauchen. So stand es mit unserer Stimmung auch nicht zum Besten, als wir die Solair an der Kaimauer vertäuten.

Nur ein lustiges Überwachungsfahrzeug mit verdunkelten Scheiben konnte unsere Laune ein wenig aufbessern. Es dokumentierte jede Bewegung an Deck der Solair mit Hilfe von Nachtsichtkameras und Richtmikrofonen. Erste Mutmaßungen, wir seien nach Nordkorea abgetrieben worden, bestätigten sich allerdings nicht. Der Spähtrupp gehörte zum lettischen Zoll und verschwand, sobald sie sich von unserer Harmlosigkeit überzeugt hatten.

Ventspils präsentierte sich allein schon auf Grund des regnerischen Wetters nicht so freundlich wie die letzten beiden Etappenziele: Es regnete beständig und die Einheimischen ließen uns zunächst links liegen. So verbrachten wir den ersten Tag vor allem auf der Solair und kamen erstmals in den Genuss des Bord-Kinos. Mit „Fluch der Karibik“ stand ein Film auf dem Programm, der sogar einen inhaltlichen Bezug hatte.

Auch in Ventspils waren die Crews zu einer Party geladen, die den Rahmen für die Siegerehrung bildete. Hier konnte Peter endlich unsere zweite „First Ship Home“-Flagge in Empfang nehmen. Sie war zwar rosa, aber wir hatten alles dafür gegeben und so freuten wir uns trotzdem. Und noch etwas wurde uns an diesem Abend klar: Während die Leistungen mancher Wettbewerber durch die anderen anwesenden Regattateilnehmer durchaus kritisch beurteilt wurden, schienen die anderen Teams uns den Erfolg von Herzen zu gönnen. Wir hatten nicht nur das schnellste Schiff ins Ziel gebracht, sondern eine Leistung gezeigt, die allgemein respektiert wurde!

Etappe 5: Ventspils-Pärnu (117 Seemeilen). Die Entdeckung der Langsamkeit.

Nach zwei Etappen beim Baltic Sprint Cup, bedeutete Regattasegeln für mich, mit der Solair als erster einen Hafen zu verlassen, um wenig später vor allen anderen in den nächsten einzulaufen. Auch auf der abschließenden Etappe der Regatta von Ventspils nach Pärnu in Estland sah anfangs alles danach aus, als sollte sich dieses Muster wiederholen. Nach etwa drei Stunden hatten wir alle anderen hinter uns gelassen und dem dritten Erfolg als „First Ship Home“ stand nicht mehr viel im Weg. Es sollte anders kommen.

Irgendwann entdeckte Peter zwei Risse in unserem zweiten Spinnaker – zur Erinnerung: Spinnaker 1 war uns auf der Etappe zuvor gerissen. Da der Schaden nicht größer zu werden schien, entschieden unsere Skipper erst einmal nichts zu unternehmen, und wir bauten unseren Vorsprung weiter aus.

Plötzlich jedoch konnte das beschädigte Segel der Belastung nicht mehr standhalten und riss in der Mitte durch. Dabei wickelte es sich um das Vorstag, so dass es nur zu bergen war, indem wir vorübergehend den Kurs änderten. Das kostete uns sehr viel Zeit und nach und nach zogen immer mehr Schiffe an uns vorbei. Doch damit nicht genug: Bei einer Halse flog der Großbaum von der einen auf die andere Seite und wurde erst im letzten Moment mit einem lauten Knall vom kaum gespannten Großschot gebremst. Dabei muss irgendwie die Ummantelung des Großfalls Schaden genommen haben, jedenfalls sauste kurze Zeit später das Hauptsegel einige Meter herunter und konnte ebenfalls nicht mehr verwendet werden. Bis wir nach dem Spinnaker auch dieses eingeholt hatten, verging weitere Zeit. Außerdem musste Peter vorübergehend den Motor anwerfen, um uns das Bergen der Segel zu ermöglichen.

Spätestens damit war die Etappe für uns gelaufen. Nur mit dem Genua, dem vorderen Segel, gingen wir schließlich wieder auf Kurs Richtung Pärnu. Nach den vergangenen beiden Etappen, wo wir mit durchschnittlich 11 Knoten über die Ostsee pflügten, kamen uns die 5-6 Knoten, mit denen wir jetzt dahindümpelten vor wie der Rückwärtsgang und jeden Moment rechneten wir damit, hinter uns wieder die Lichter von Klaipeda auftauchen zu sehen. Dies geschah zum Glück nicht und am frühen Morgen liefen wir als vorletztes Schiff in Pärnu ein.

Wie sich herausstellte, rankten sich dort schon wilde Spekulationen über unser Schicksal. Es machten Gerüchte über zwei Schwerverletzte an Bord und einen Abstecher nach Schweden (wegen der besseren Krankenversorgung dort – na klar…!) die Runde. Unsere Anwesenheit belegte das Gegenteil, allerdings mussten wir die Geschehnisse der vorigen Nacht wieder und wieder zum Besten geben. Erneut hatten wir das Gefühl, dass man uns im Laufe der Regatta durchaus schätzen gelernt hatte. Waren wir doch die einzigen, denen es gelungen war, dem Favoriten „Frühstücksdirektor“ wenigstens zweimal in den (Frühstücks)-Kaffee zu spucken.

Ein drittes Mal war dies leider nicht geglückt. Aber mal ehrlich: Wer von uns hatte schon die Erfolge bei den vorangegangenen beiden Etappen auf der Rechnung? Wohl niemand. Schließlich hatten wir dann doch noch Lehrgeld für unsere Unerfahrenheit und Uneingespieltheit zahlen müssen. In Pärnu angekommen stellte sich bei uns Gästen auf der Solair jedenfalls ein kollektives Glücksgefühl ein, dass wir es alle gesund überstanden hatten und ein wenig stolz auf das Erreichte waren wir auch! In der Gesamtplatzierung landeten wir am Ende auf dem 20. Platz von insgesamt 26 teilnehmenden Schiffen.

Nach fast neun Tagen auf der Solair hatten wir uns an das Leben auf See, das dauernde Schaukeln, die Auflage verborgene Ventile brav zu schließen und unser Essen gut zu verdauen – Interessierte können sich die dazugehörige Anekdote bei ihrem nächsten Besuch auf der Solair von Peter erzählen lassen – längst gewöhnt. Dass wir an Bord so viel Spaß hatten und uns vom ersten Tag an wie Hause fühlten, ist vor allem der Verdienst unserer beiden sich prima ergänzenden „Betreuer“, unserem energischen Käpt’n Peter und Janusz, den wirklich nichts aus der Ruhe bringen konnte. Vielen Dank Euch beiden für eine unvergessliche Zeit und natürlich auch der SOLON, die uns diese tolle Erfahrung ermöglicht hat!