Alles begann mit einem dumpfen Knall und dem wütend enttäuschten Ausruf „Das war’s dann mit der Regatta!“ von Skipper Peter. Erschrocken und fassungslos verhielt die restliche Besatzung in ihren Bewegungen … das sollte es schon gewesen sein? Unsere Regatta war schon vor dem Start beendet? Was war passiert? …
Doch beginnen wir die Geschichte von vorne. Am Donnerstag, den 16. Oktober 2008 kam die SOLONi – Regatta – Crew bestehend aus Simin Torabi, Sandra Roemer, Thilo Suchowski, Moritz Missling, Dirk Gründlich, Nicholas Hartmann, Michael Förster, Constantin Gerloff und Co – Skipper Janusz Kruszewski zu Skipper Peter Ufer an Bord der Solair, die in der Grand Habour Marina in Vitoriosa auf Malta lag. Vor uns lag die Teilnahme an der berühmten, seit 40 Jahren nun zum 28. Mal ausgetragenen Segel – Regatta „Rolex Middle Sea Race“. 606 Seemeilen (1120 km) non Stopp rund um Sizilien, Pantelleria, Lampedusa, zwischen Gozo, Comino und Malta hindurch, zurück in den seefahrtsgeschichtsträchtigen Hafen von Valetta auf Malta. Der derzeitige Rekord steht bei 47 h 55 min 3 sec (2007, „Rambler“, USA), wir rechneten jedoch aufgrund der Wind- und Wettervorhersagen mit rund 3 Tagen Segelzeit.
Vor dem Start hieß es erstmal Proviant besorgen, das frisch vom Segelmacher reparierte Großsegel wieder anschlagen, die Genua austauschen, das Schiff von viel sinnlosem Gewicht befreien, die Konkurrenten bestaunen – und was für welche -, unsere Kojen beziehen, die Wacheinteilung organisieren, die Sicherheitseinweisung durchführen und und und … Langweilig war uns am Donnerstag Nachmittag und Freitag Vormittag nicht und dann ging es endlich zu einem kurzen Übungstörn vor die Küste von Malta. Viele verschiedene Manöver wurden geübt und den Neulingen beigebracht. Zuversichtlich uns nicht beim Start zu blamieren fielen wir abends todmüde in unsere Kojen und genossen das letzte Mal Schlafen ohne wesentliche Schaukelbewegungen.
Am Samstag war es dann endlich so weit, wir liefen um 10:30 Uhr zur Startlinie aus, standen Parade in Crewkleidung an der Reling für ein einlaufendes Kreuzfahrtschiff, sehr zur Belustigung von Peter und warteten dann vor der Startlinie mit allen anderen 80 Schiffen auf unsere Startzeit. Zuerst starteten die Gruppen „grün“ und „gelb“, zu denen jeweils kleinere (gleich langsamere) Schiffe mit niedrigeren Rennwerten gehörten. Die Solair war der Gruppe „weiß“ zugeteilt, startete also vor der letzten Gruppe „blau“ um 11:40 Uhr. Das Gedrängel an und hinter der Startlinie geht eigentlich sofort los, jedes Schiff versucht die vorteilhafte Luvposition zu erhaschen, am besten noch mit einem Kurs der dem Schiff Vorfahrtsrechte vor den Gegnern einräumt, um dann beim Startschuss zielstrebig die Startlinie zu überqueren und aus dem Hafen um die erste Markierungstonne dem Kurs entgegenzustreben. Als Einstieg in die Startsequenz für jede Gruppe gab es einen sehr lauten Rumms aus einer 25 Pfund Feldhaubitze der Maltesischen Armee, der die letzten 10 Minuten vor dem Start ankündigte. Pünktlich zu jeder Startzeit hallte der Donner der Kanone durch Valetta und die Schiffe segelten los.
Nach unserem 10 Minutensignal gab es einen Kraacks an Bord. Beim setzen des Großsegels riss plötzlich das Vorliek mit einem hässlichen Geräusch ein. Das war es dann mit unserem Start, ohne Großsegel brauchten wir gar nicht erst lossegeln. Zum Glück konnten wir nach dem ersten Shock das Segel notdürftig reparieren und trotzdem rechtzeitig starten.
Nun ging es endlich los, rund 600 Seemeilen vor uns, Sonne am Himmel, blaues Wasser unter dem Kiel und leider zu wenig Wind. Die leichteren und schnelleren Rennschiffe zogen uns in den ersten 2 Tagen bei 1 – max. 3 Windstärken davon, bis wir nach der nächtlichen Umrundung des aktiven Vulkans Stromboli – was für ein grandioses Schauspiel – wieder etwas aufholten. Die Stunden vergingen mit Wache gehen, d.h. Steuern, Segel bedienen, immer wieder das Cockpit aufräumen, navigieren und Ausschau halten nach potentiellen Gefahren und der Konkurrenz. Die Freiwachen vertrieben sich die Zeit mit Schlafen, Lesen, Carcassone spielen, Gesprächen, Entspannen und der Beobachtung von Delfinen und Seeschildkröten. Hierfür war im Vorfeld von der Regattaleitung ein Beobachterpreis ausgesetzt worden, für die besten Delfinfotos und –Beobachtungen. Den Preis haben wir leider nicht abgeräumt, dafür wurde die Solair als eine von wenigen im Delfinartikel auf der offiziellen Homepage des Rolex Middle Sea Race genannt. Weitere Tiere auf und um das Schiff waren niedliche kleine Finken, Fische, Seeschildkröten und Trüffelschweine. Diese machten sich besonders über die Süssigkeitenvorräte der Solair her. An frischer Seeluft mit viel Zeit zur Verfügung steigt der Appetit und die Lust am Essen. Das hatte zur Folge, dass wir unsere Vorräte, insbesondere das Brot, zu schnell aufaßen und erste Überlegungen aufkamen, ob die Nahrungsmittel und das Frischwasser bei anhaltender Flaute ausreichen würden.
Die Situation entspannte sich schlagartig, als wir endlich unseren lang ersehnten Wind bekamen, bei der Rundung der Westspitze von Sizilien. Hart am Wind und schön kränkend preschten wir mit rund 8 Knoten bei 6 Windstärken durch eine ordentliche Dünung in Richtung Palanteria. Wir waren gerade dabei einen Konkurrenten in seinem Lee zu überholen, als wir mit gerefftem Groß und Genua direkt in ein Gewitter liefen. Unsere Geschwindigkeit fiel von 8 auf 5 Knoten, also hieß es die Reffs aus den Segeln ausschütten. Gerade fertig mit dem Durchsetzen der Segel rauschte eine zweite Gewitterfront mit starken Böen (~8 Bft) und Schlagregen heran, drückte die Solair auf die Seite und bescherte uns eine Sicht von nur rund 40 m. Der Regen prasselte auf uns hinab, schlug Blasen und weißen Schaum auf dem Wasser, ein herrlicher Anblick. Die Schoten wurden losgeworfen, die Segel schlugen laut knatternd im Wind, die Solair richtete sich wieder auf und wir konnten die Reffs wieder einbinden. Schlagartig war die Gewitterfront auch wieder vorbei, der Regen hörte auf und der Wind lies nach. Die ganze Aktion hatte uns ein gutes Stück nach Lee abgetrieben, sehr zur Freude unseres Konkurrenten, der gerade die Insel rundete und Kurs auf Lampedusa absteckte. Also wieder alle Reffs raus, alle Segel wurden so dicht wie möglich geholt und los ging es, immer hart am Wind dem Konkurrenten hinterher. Nach ein paar Stunden hatten wir ihn endlich überholt. Zwischenzeitlich kamen uns 3 Schiffe unter Motor entgegen, für sie war die Regatta beendet, sie liefen einen Hafen an. Vielleicht war ihr Rigg beschädigt, oder sie hatten keine Lust mehr auf Gewitter. Insgesamt hatten wir drei solcher Gewitter, für jede Wache eins.
Lampedusa passierten wir nachts und auch die Durchfahrt bei Gozo/Comino und Malta wurde im Dunkeln bewältigt, wie eigentlich alle schwierigen und engen Passagen auf unserem Kurs – Murphys Gesetz? Die ganze Zeit hatten wir die Funkdurchsage der Seefunkstelle von Messina im Ohr „Securité securité securité – all ships all ships all ships – heavy traffic in the strait of Messina, a sailing race is carried out – keep close watch out – securité securité securité”. Gegen 22:00 Uhr liefen wir dann am Donnerstag, den 23.10.08 nach 5 d 9 h 45 m 6 s Segelzeit über die Ziellinie in Valetta. Wir hatten es geschafft – Flaute und Wind, Gewitter und Trüffelschweine – Konkurrenten, Wellengang und kaputte Segel hatten wir erfolgreich gemeistert. Glücklich und zufrieden tuckerten wir zu unserem Liegeplatz und genossen erst einmal Ausschlafen. Am nächsten Tag stellten wir zu unserer Freude fest, dass wir sogar einen Konkurrenten aus unserer weißen Gruppe nach errechneter Zeit um knapp 11 Minuten geschlagen hatten. Insgesamt sind wir in der ORC – Wertungsgruppe 32. von 44 Schiffen geworden, was für uns nach dem Erreichen des Ziels ein zweiter schöner Erfolg war. Für das nächste Mal wurden in den folgenden Tagen viele Überlegungen angestellt, wie man das Ergebnis verbessern könnte, leichtere Segel, weniger Gewicht an Bord, mehr Taktik, etc. Bevor wir zur Siegerehrungsparty gehen konnten hieß es mal wieder Reinschiff machen, alles wieder an Bord räumen, die Segel trocknen und einpacken, kleinere Reparaturen durchführen – aus dem Schwitzen kamen wir nicht heraus, bei wunderschönem Spätsommerwetter. Zu Abkühlung stand uns ja das Meer zur Verfügung.
Die Siegerehrung fand in einem sehr alten Krankenhaus der Malteser statt, ehemals gegründet von den Johanniter Kreuzrittern, nachdem sie aus Jerusalem vertrieben wurden. Wunderschön alte Gemäuer, mit einem interessanten Museum und mittendrin die Siegerehrung des Rolex Middle Sea Race 2008. Zu unserer Freude kann man die Solair im offiziellen Regattafilm in einem close up für ca. 3-4 sec durchs Bild segeln sehen. Nach 10 Tagen Segeln und Malta hieß es dann leider Abschied nehmen. Es waren super tolle Tage, die uns sehr lange in Erinnerung bleiben werden.
Lieber Peter, lieber Janusz und liebe Solair, vielen Dank für diese schöne Zeit und die Möglichkeit an der Regatta teilzunehmen. Wir kommen wieder …

